Schlagwort-Archiv: Kaiserreich

Zum Tode von Hans-Ulrich Wehler: Ein Historikermärchen

Lip Kee

Es waren einmal zwei Historiker, die sich mit der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs befassten. Als sie an ihrem umfangreichen Werk saßen, erschien beiden die Historikerfee Klio. Die gute Fee gewährte den fleißigen Wissenschaftlern je einen Wunsch. Der eine Historiker wünschte sich einem Adler gleich über das Deutsche Reich zu fliegen. Er wollte sich die gesellschaftlichen Strukturen des Kaiserreichs von hoch oben aus der Vogelperspektive anschauen. Der andere Historiker hingegen wollte in eine Fliege verwandelt werden, die durch Schlüssellöcher in die verschlossenen Kammern am kaiserlichen Hofe gelangen konnte, um den Gesprächen des Kaisers und seiner Entourage zu lauschen.

JJ Harrison

Nachdem nun ihre Wünsche in Erfüllung gegangen waren und jeder seine Beobachtungen gemacht hatte, stellten beide Historiker mit großem Erstaunen fest, dass sie jeweils etwas völlig Unterschiedliches gesehen hatten: Der eine sah aus seiner abgehobenen Perspektive ein Kaiserreich ohne Kaiser, der andere sah innerhalb der herrschaftlichen Räume nur den Kaiser und seine Hofgesellschaft, aber die übrigen Menschen und die vielschichtige Gesellschaft des Kaiserreichs übersah er dabei. Sie glaubten einander nicht und begannen sich um die historische Wahrheit zu streiten. Beide Historiker suchten und fanden zahlreiche Mitstreiter unter ihren Kollegen, die sich auch gerne an dem Streit beteiligten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann…

Der streitbare Historiker Hans-Ulrich Wehler ist am 5. Juli 2014 im Alter von 82 Jahren gestorben – seine kritischen Beiträge werden fehlen,  sein großes Werk aber wird bleiben. 

Hier einige Gedanken zu zwei unterschiedlichen historischen Sichtweisen. Wehler bevorzugte zumeist den Blick auf das große Ganze aus der Vogelperspektive:

Die unterschiedlichen Bewertungen Wilhelms II.
von John C.G. Röhl und Hans-Ulrich Wehler

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Das Prekariat – ein neues Proletariat?

Ein Essay von Peter Rose

Rückkehr der sozialen Frage
„Gerade in der jetzigen Zeit tobt der Kampf um die Existenz mit furchtbarer Heftig­keit.“[1] Dieser Satz stammt aus dem Jahre 1913 und war damals im Vorwärts, der Parteizeitung der SPD, zu lesen. Fast 100 Jahre später berichtet die gleiche Zeitung im Februar 2010 über die immer größer werdende Not in Deutschland[2] und stellt auf der Titelseite die Frage: „Wer rettet den sozialen Staat?“. Demnach scheint das State­ment zum Existenzkampf aus den 1910er Jahren in gewisser Weise auch heute noch zuzutreffen. Haben also die gesellschaftli­chen Verhältnisse und Probleme von 1913 mit denen der Gegenwart etwas gemeinsam – und: wie viel politi­sche Sprengkraft steckt in einer Zuspitzung der sozialen Lage? Das Prekariat – ein neues Proletariat? weiterlesen

Wohnungselend in Berlin während der Urbanisierung

Bundesarchiv, Bild 183-1983-0225-309 / CC-BY-SA In dieser Wohnung, bestehend aus einem Zimmer und einer Küche, lebten zu Beginn des 20. Jhdts. 11 PersonenIn seinem Erfahrungsbericht von einem Besuch in einer Mietskaserne im Berliner Stadtteil Wedding beschreibt der damalige Journalist Albert Südekum die Wohn- und Lebensverhältnisse einer Arbeiterfamilie zur Zeit der
Urbanisierung im Deutschen Kaiserreich. Er begleitete an einem heißen und schwülen Augusttag in der Mitte der 1890er Jahre einen befreundeten Arzt bei einem Krankenbesuch in eine Wohnung. Die Patientin wohnte mit ihrer fünfköpfigen Familie im dritten Stock eines Hinterhauses. Aus Geldmangel musste das einzige Zimmer der Wohnung untervermietet werden, so dass der Familie nur die Küche zum Wohnen blieb.

Während der Arzt seine Patientin untersuchte, machte Südekum seine Notizen über die Wohnsituation der Familie. Er beschreibt die ärmliche Ausstattung der Wohnküche bis ins Detail. In der Küche lebten außer der Frau noch drei Kinder sowie der Ehemann, der Gelegenheitsarbeiter war. Südekum berichtet von der ländlichen Herkunft der Familie und von den zahlreichen Umzügen der Familie innerhalb der Großstadt. Durch Krankheiten und Fehl- oder Totgeburten wurde die Familie immer wieder zurückgeworfen.

Der Bericht der kranken Frau über die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse der Familie – sie hatten nur ein einziges Bett – ließ die Erkrankte fast verzweifeln. Ihr Ehemann war schon seit einigen Tagen kaum in der Wohnung; er zog es vor, bei der großen Hitze außer Haus zu schlafen. Die Frau konnte den Lärm und die brütende Hitze
in der Wohnung nicht mehr ertragen; sie fürchtete den Verstand zu verlieren und
sich das Leben zu nehmen. Wohnungselend in Berlin während der Urbanisierung weiterlesen